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  • Fahrtbericht September 2018

    Reifezeit – Erntezeit

    … so möchte ich unsere Moldova-Fahrt im September 2018 beschreiben. Zum einen, weil es eben schönster Spätsommer war: die Getreideernte eingebracht, die Früchte reif am Baum, die Bauern und so auch unser Valer Batir zufrieden und erfreut über den Segen des Wachsens und Reifens in der Natur, mit Vorrat für den Winter genug. Wie in Deutschland war es dort lange Zeit sehr warm, anders als bei uns aber gab es dort zwischendrin ergiebige Regenfälle und somit keine Dürre, sondern ein reicheres Jahr als sonst (agrarisch). Zum anderen aber reift auch manches, was wir über lange Zeit in die Gänge gebracht haben, in der Weise, dass wir weniger machen müssen und mehr zuschauen können – also in gewissem Sinn die Früchte früherer Tätigkeit ernten können.

    Erntezeit

    Seit ungefähr Anfang des Jahres arbeitet unsere bisherige Leiterin des pädagogischen Bereiches nicht mehr im Sozialzentrum. Fehlt dem Sozialzentrum in Costangalia seine Pädagogische Koordinatorin? Nein – die Aufgaben wurden neu verteilt und es läuft. Gibt es Konkurrenz, Machtspielchen, das, was Luther so trefflich „Afterreden“ nannte? Nein (nicht, dass wir es mitbekämen jedenfalls …) – das Team versteht und respektiert sich (anscheinend) wirklich als Team mit einem gemeinsamen Ziel: Gutes bewirken für die Kinder, die Alten, die Armen, das Dorf insgesamt. Müssen wir wieder etwas sagen, weil Reparaturarbeiten am Gebäude nicht wie besprochen durchgeführt wurden? Nein – alles wurde gemacht, wie besprochen. Wird das Gelände in Ordnung gehalten? Ja – anscheinend sogar unaufgefordert. Sogar zwei neue Pavillons – Sitzgruppen im Garten mit Sonnen- / Regen-Schutz-Dach – stehen und laden zum Verweilen und Plaudern ein. Hier führen wir so manches Gespräch mit den älteren Menschen, die sich im Sozialzentrum ihre warme Mahlzeit abholen, und erfahren so einiges aus ihrem Leben – es gibt manch Kopfschütteln, doch noch weitaus mehr Gelächter. Ein unverschuldeter Unfall hat unsere Köchin einige Wochen aus der Arbeit gehalten – spontan wird umorganisiert und es passt; für den Moment. Kein Schulterzucken, auch kein „Hilferuf“ vom Typ „was sollen wir jetzt machen?“ – aufkommende Probleme werden gesehen, eigenständig bearbeitet, souverän gelöst.

    Agnes Bothe im Gesrpäch mit der 78-jährigen China

    Und das Highlight, für mich jedenfalls das Überraschendste: Das Team hatte die Idee, eine Art Partnerschaft mit einer Jugendhilfeeinrichtung im 30 km entfernten Cantemir, der Kreisstadt, aufzubauen. Eines Sonnabends (eigentlich ein arbeitsfreier Tag!) fuhren ein paar der Mitarbeitenden dorthin, um zu hospitieren, sich auszutauschen, jetzt soll der Gegenbesuch organisiert werden. Kurz, wir sehen motivierte, engagierte und vor allem selbstständige und anpackende Menschen mit einer ruhigen Professionalität und Freude an der Sache.

    Maria Cretu und Natalia Moroeanu beim Spielen und Lesen mit den Kinder

    Besonders erwähnt sei Maria Cretu, Stipendiatin der ersten Stunde, inzwischen Lehrerin kraft Fernstudiums, die trotz – vielleicht wegen – ihrer freundlichen und bescheidenen Art zur stillen Teamleiterin aufgestiegen ist. Beiläufig berichtet sie, dass sie nach vier Schulstunden und anschließend vier Stunden Arbeit im Sozialzentrum die Planungs- und Verwaltungsarbeit mit nach Hause nimmt und abends macht, nachdem sie sich um den Haushalt gekümmert hat – sie sei unverheiratet und da könne sie das ja wohl machen. Schon richtig, viel Freizeitangebote für junge Erwachsene hat das Dorf nicht, aber trotzdem keine Selbstverständlichkeit – und deshalb entscheiden wir nach kurzer Beratung, ihr dafür eine Mehrstunde täglich zu vergüten: Nachdem wir so viel Wert darauf gelegt haben, dass überhaupt Jahres-, Quartals-, Wochenpläne erstellt, Akten über die kindliche Entwicklung geführt werden, es Stellen- und Aufgaben-Beschreibungen gibt, können wir jetzt wohl kaum erwarten, dass solches ehrenamtlich nebenbei gemacht wird (und eine neue Kraft, abgesehen von der ewigen Frage: woher nehmen? könnten wir dafür auch nicht bezahlen). Schon wegen dieser einen Stunde (bescheidenes moldauisches) Gehalt hoffen wir auf Sie, liebe Unterstützer*innen, Geschwister, Freunde, Leser*innen, denn bei allem Erfolg des „Stipendienprogramms“ bröckeln unsere „nicht zweckgebundenen Dauerspender“ doch sehr ab, auf die wir für unsere laufenden, festen Verpflichtungen so angewiesen sind. Mit kleinen, aber regelmäßig festen Beträgen können Sie uns enorm helfen!

    Was noch? Kurioses: Sowohl in Chioselia als auch in Costangalia sind je die ersten hundert Meter Dorfstraße asphaltiert worden – die Einwohner witzeln, dass dies nur ein Wahlkampf-Gag war. Umgekehrt sind die Brückenstützwerke der einzigen „Straßen“- (d.i. eher Weg-) Anbindung von Nord-Costangalia eingebrochen, und nur Wagemutige passieren den oberflächlich noch vorhandenen Fahrweg aus verdichteter Erde. Schweres Gerät ist für die Reparatur oder einen Neubau gefragt, das der Bürgermeister unermüdlich zu organisieren trachtet, ohne Erfolg vorerst; aber hier zu helfen ist leider eine Nummer zu groß für uns.

    Die Mandoline hat Einzug gehalten in die Gottesdienste – bis zu 10 hören wir auf einmal – und Livia, Naomi und Mariana Batir sind natürlich dabei; während Theophil nach wie vor das Akkordeon traktiert. Die Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen in Baimaclia, deren Sanitäranschlüsse wir vor Jahren finanziert hatten, läuft so gut, dass der Kreis erwägt, zusätzlich eine Art Betreutes Wohnen speziell für Jugendliche anzubieten – eine großartige Projektidee, deren Notwendigkeit wir sofort erkennen. Wir werden berichten, wenn die Pläne konkret werden.

    Derweilen demonstrieren junge Leute in Chisinău für mehr Demokratie, mehr Transparenz des Regierungshandelns; mittendrin Nadja, die 2016 mehrere Wochen bei uns in Berlin gelebt hat – wir haben sie nicht dazu angestachelt, dessen bin ich gewiss, und doch sind wir stolz auf sie: anscheinend hat sie etwas „mitgenommen“, wie Staat, wie Gemeinschaft sein könnte, ein Bild, wie es sein sollte. Und vielleicht sollten gerade wir das in diesen aufgeregten Tagen und Zeiten nicht vergessen. Nicht dass wir uns ausruhen, weiß Gott nicht, es gibt genug zu tun und zu verbessern, ja zu beschützen an Freiheit, an Demokratie, an Rechtsstaatlichkeit und an Sozialstaatlichkeit, aber noch haben wir sie und noch ist dies sogar Vorbild – und einmal mehr denke ich, dass diese „Fernsicht“ Anderer auf unser Land doch auch unseren eigenen Blick schärfen könnte und sollte: Nein, es ist nicht alles schlecht. Nichts zum Glorifizieren, aber doch auch nichts zum Verzagen und zum Verzweifeln. 4.600 km bin ich durch Europa gefahren, 2/3 davon mit Agnes – studiert in Timisoara, Westrumänien – 2/3 mit Hanna – studierte ein Jahr in Wien und wechselt nun zurück nach Berlin – und davon haben wir keine 30 Minuten an Grenzübergängen verbracht – sehen Sie mir die saloppe Sprache nach: das muss man sich mal reinziehen! Zwei Stunden, drei Stunden habe ich als Kind neben dem Wagen gestanden, bloß um aus West-Berlin „rauszukommen“, um eine sog. „Zonengrenze“ zu passieren – jetzt rolle ich über 10 Staatsgrenzen, ohne mehr davon zu merken als geringfügig geänderte Geschwindigkeits-Beschränkungs-Hinweise und ab und an eine Maut-Zahlstelle. Europa hat sich überlebt? Ich hoffe doch nicht.

    Überhaupt nehmen wir auch viel landschaftliche Schönheit mit: die Hohe Tatra und die Karpaten erfreuen uns mit atemberaubenden Blicken, in den Höhenzug an der nordrumänischen Grenze zur Ukraine steigen Agnes und ich auch tageswandernd ein, und bevor wir die Grenze in die Republik Moldau überqueren, genehmigen wir uns drei Tage Urlaub an der Schwarzmeerküste. Wer will, kann noch angenehm schwimmen, und witzigerweise findet im Ausstellungs-Pavillon gegenüber des Hotels in Mamaia eine Art „Grüne Woche“ mit landwirtschaftlichen Produkten – aus Moldova! – statt. Kleine Ansätze nur, gewiss, aber immerhin: es wurde geerntet, es wird verkauft. Wenn es eines Tages gelingt, die Oligarchien zu „entmachten“ und eine gleichmäßige(re) Teilhabe der Menschen an den Früchten der Erde und der menschlichen Arbeit zu erreichen, dann wird auch Moldova als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen – wie es die Mütter und Väter des Grundgesetzes es 1949 so trefflich und unnachahmlich für Deutschland auf den Punkt brachten – und es wird ein schönes und ein gutes Land sein, für Bewohner*innen und Besucher*innen.

    Mit der biblischen Erinnerung an alle Christen, „Geduld zu haben wie ein Bauer“, Jakobus 5 Vers 7, grüße ich Sie und Euch und habe sehen dürfen, im agrarischen wie im übertragenen Sinne: Geduld zahlt sich aus, am Ende steht die Ernte und der Segen Gottes, im Kleinen wie im Großen.

    Ihr Dr. Christian Naundorf