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  • Essen auf Füßen: Fahrtbericht März 2010

    Es war eine kurze und intensive Projektreise, die Dr. Susanne Naundorf und Alexander Palcu im März für eine Woche in die Republik Moldau unternommen haben. Mit Flugzeug und Mietwagen waren sie in kürzester Zeit vor Ort in Costangalia. Berlin-Costangalia in 10 Stunden! Schon viele Male haben wir diese Reise bereits gemacht, doch es ist jedes Mal auch eine Art Zeitreise. So nah und doch so weit entfernt, haben die Menschen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, als wir sie aus unserem Alltag kennen.

     

    Cantina sociala

    Dorf Costangalia, Kreis Cantemir, im Süden der Republik Moldau: Fast vier Kilometer läuft Tamara Popov (lucratoarea sociala) jeden Tag von der Cantina sociala, der Armenküche in der Dorfmitte, bis zum Dorfende. In der Hand hat sie drei Tüten – Mittagessen aus der Cantina sociala für bedürftige Nachbarn.

    Eine alte Frau empfängt sie mit den Worten: „Wenn die Sonne in die linke Ecke des Zimmers scheint, ist es Zeit, dass du kommst!“ Der Wecker ist schon lange stehen geblieben. Die Batterie ist alle.

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    Der Nachbar kommt aus seinem Haus gehumpelt, als sie vor der Tür nach ihm ruft. Das rechte Knie ist kaputt, und er kann nur wenige Meter laufen.

    Nebenan wohnen Vater und 40jähriger Sohn. Letzterer leidet seit zwei Jahren an einer fortschreitenden Lähmung des ganzen Körpers und liegt jetzt nur noch im Bett. Der Vater pflegt ihn. Das Essen ist für den Sohn bestimmt.

    Zurück zum Dorfzentrum und noch mal einen Kilometer an das andere Dorfende, wohin sie ebenfalls Essen bringt. Bei mildem Wetter und Sonnenschein ist es eine Lust zu laufen, aber auch bei Kälte, Regen oder Wegen voller Schlamm bringt Tamara das Essen.

    In der Armenküche wird für bedürftige Menschen gekocht. Wer bedürftig ist und Anrecht auf die Mahlzeit hat, bestimmt das Rathaus nach objektiven Kriterien wie Invalidität und Armut. Finanziert wird die Küche hälftig von der Bezirksverwaltung und vom Rathaus des Dorfes. Aber gerade bei den Rathäusern fehlt das Geld, so dass die Evangelische Moldovahilfe Berlin im Ort Costangalia den Anteil des Rathauses übernommen hat, damit die Küche nicht geschlossen werden muss.

    Essen auf Rädern ist für uns in Deutschland seit langem ein gewohntes Element der sozialen Dienste. Genauso wie Sozialstationen, Behindertentransportdienste, Pflegeeinrichtungen und vieles mehr. Das Konzept der Großfamilie, die räumlich sehr nahe beieinander wohnt, in der die mittlere Generation die ältere mitversorgt, ist bei uns rar geworden. Das liegt u.a. an den kleineren Familien, wenig Kindern bzw. daran, dass die Enkel erst geboren werden, wenn die Großeltern schon das Alter von Urgroßeltern erreicht haben. Gleichzeitig nimmt die Lebenserwartung immer mehr zu. Unserer Gesellschaft ist seit geraumer Zeit dabei, sich darauf einzustellen und ein entsprechendes soziales Netz aufzubauen.

    Auch in der Republik Moldau hat sich die Demographie geändert. Die mittlere Generation dünnt aus. Nicht wegen der längeren Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland beträgt für Männer 77 Jahre und für Frauen 82 Jahre (Stand 2008 statistisches Bundesamt). In der Republik Moldau hingegen für Männer nur 64 Jahre – 13 (!) Jahre Unterschied im Vergleich zu Deutschland, für Frauen 74 Jahre. Die Bevölkerungsstruktur hat sich geändert, weil die Menschen im berufsfähigen Alter auswandern. Ihr eigenes Land kann ihnen keine Arbeit geben. Zurück bleiben die Alten, die Behinderten, die Kinder. Letztere werden auch immer weniger. Kindergärten und Schulen auf den Dörfern werden geschlossen. Wer im Land bleibt, muss nach allen Richtungen pflegen…, so wie Nina. Ihr Mann hat Arbeit. Sie pflegt die gelähmte Tochter und die hinfällige Schwiegermutter. Im Nachbardorf wohnen ihre eigene alte Mutter und zwei kranke Brüder. Ninas Zeit und Kraft reichen nicht aus, um mehr als nur gelegentlich auch dort vorbeizuschauen und zu helfen.

    Ganz zögerlich reagiert der Staat auf diesen Notstand, u.a. indem er zwei – für die Republik Moldau neue – Berufe geschaffen hat.

    Die lucratoarea sociala (wörtlich übersetzt Sozialarbeiterin; hat aber nichts mit unserem Begriff des Sozialarbeiters zu tun); in Costangalia ist es Tamara P. Sie hat eine 10-tägige Ausbildung genossen, dann vom Rathaus bedürftige alte Menschen zugewiesen bekommen, um die sie sich zu kümmern hat (Essen auf Füßen bringen, Wasser aus dem Brunnen holen, Rente abholen, Einkäufe tätigen u.a.).

    Neu ist auch der Beruf der asistenta sociala; in Costangalia ist es Natalia B. Sie ist eigentlich Mathematiklehrerin. Da aufgrund schwindender Schüler die Stundenzahlen und damit das Gehalt weniger werden, hat sie zusätzlich eine zweite Tätigkeit angenommen. Sie hilft bei Anträgen aller Arten, z.B. damit ein schulpflichtiges Kind einen Rollstuhl beantragen kann und so mit den Gleichaltrigen in die Schule „gehen“ kann. Ihre Hauptaufgabe besteht zur Zeit darin, möglichen Leistungsempfängern von staatlicher Hilfe beim Ausfüllen von umfangreichen Antragsformularen zu helfen bzw. erst einmal mögliche Empfänger zu Hause aufzusuchen und ihnen klar machen, dass es sinnvoll ist, so etwas zu tun. (Ob es später mal wirklich finanzielle Unterstützung gibt, muss sich noch zeigen). Sie sitzt auch mit im Gremium, dass die Berechtigten für die Armenküche festlegt.

    Den Ausbildungsberuf der Sozialassistentin gibt es erst seit wenigen Jahren. Diesen Sommer werden überhaupt erst die ersten Berufsschüler am Kollegium in Cahul, der Kreishauptstadt fertig.

    Ecaterina, ein Mädchen aus Costangalia, ist jetzt – Dank eines Stipendiums finanziert von einer Familie in Berlin – in ihrem ersten Jahr zur Ausbildung als Asistenta sociala am Kollegium. Ein Beruf für ihr Land.

     

    Stipendienprogramm – Bildung schafft Perspektiven

    2009 konnten wir zwei Schulabgängerinnen aus Costangalia mit einem Stipendium ausstatten. Dank der Unterstützung aus Deutschland konnten Dorina und Ecaterina im Herbst ihre Ausbildungen zur Friseurin bzw. zur Asistenta sociala beginnen.
    Dorina ist mittlerweile mit ihrer sechsmonatigen Ausbildung zur Friseurin fertig. In einem Zusatzkurs lernt sie jetzt in 3 Monaten noch alles über Pediküre/Maniküre. Wie die Erfahrung zeigt, durchaus auch ein Beruf mit Zukunft.

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    Dorina zeigt stolz ihr Zertifikat, das ihr den Abschluss ihrer Ausbildung bestätigt

    Ecaterina konnten wir im Kollegium in Cahul besuchen. Dort wohnt sie mit drei anderen Mädchen in einem Zimmer im Studentenwohnheim. Es war kalt im Winter, da die Heizung kaputt ist, doch irgendwie haben sich die Mädchen damit arrangiert. Die Ausbildung macht ihr großen Spaß und sie freut sich über diese Chance, die ihr unser Stipendium bietet.

    Im gleichen Wohnheim wohnt auch Eugenia aus Costangalia – unsere erste Stipendiatin. Sie macht eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, ist bereits im letzten Studienjahr und wird diesen Sommer fertig. Dann kann sie als Lehrerin in den Klassen 1-4 arbeiten oder noch weiterstudieren, um später auch in höheren Klassen arbeiten zu können. Sie überlegt, ob sie noch Rumänisch oder Psychologie studiert.

     

    Weiter geht’s!

    Nachdem wir bereits von Berlin aus die lucratoarea sociala Tamara telefonisch informiert hatte, dass wir wieder zwei Stipendiensponsoren haben, konnte sie sich mit der Sozialassistentin Natalia austauschen und die Klassenlehrerin Frau Pasat und die Schüler und Schülerinnen der 9. Klasse (nur 12 Kinder in der 9. Klasse, 4 Mädchen, 8 Jungen) vorbereiten. Die Wahl fiel diesmal auf zwei Jungen:

    Petricas Familie stammt aus Costangalia. Seine Mutter ist Kindergartenhelferin. Seine älteste Schwester Musea hatte so gute Noten, dass sie auf Budget, also mit staatlicher Unterstützung, studieren kann. Der moldauische Staat kommt für die Kosten ihres Studiums auf. Seine beiden anderen Schwestern leben in einer anderen Stadt bzw. gehen noch zur Schule in Costangalia.

    Petrica möchte Buchhalter werden. Diese Ausbildung kann er in Cahul im Colegiul industrial-pedagogic absolvieren. Die Einzelheiten wird er nun im Weiteren klären.

    Denis (links mit seiner Mutter) ist das Jüngste von 8 Kindern (4 Mädchen, 4 Jungen). Seine Mutter ist 46 Jahre alt und lebt nach dem Tod ihres ersten Manns mit ihrem zweiten Ehemann zusammen. Bislang hat sie 7 Enkelkinder.

    Denis lebt als einziges der Geschwister noch zu Hause. Nach der Schule möchte er sich gern zum Elektriker ausbilden lassen. Die Schule dafür ist in der Nähe von Ialoveni, südlich der Hauptstadt Chisinau.

    Am 1. September ist zentraler Ausbildungsstart in der Republik Moldau. Schulen, Universitäten und viele andere Ausbildungsstätten beginnen dann mit dem Lehrbetrieb. Auch für Denis wird es dann losgehen.

    Wir suchen auch noch einen Sponsor für Denis ältere Schwester Valentina. Bereits letztes Jahr, als wir die ersten Stipendien für die Abgänger der 9. Klasse vermittelten, sprachen uns die Lehrerinnen auf das Mädchen an. Sie war aber bereits seit einem Jahr mit der Schule fertig geworden und hatte sich im Collegium de arte eingeschrieben. Dort lernt man vier Jahre, nach drei Jahren hat man sein Abitur, nach einem weiteren Jahr einen künstlerischen Abschluss. Sie musste aber nach ganz kurzer Zeit wieder abbrechen, da die Familie das Collegium nicht finanzieren konnte. Danach hat sie eine einjährige Ausbildung als Schneiderin gemacht.

    Auch diesmal wurden wir wieder von Lehrerinnen und Sozialassistentin auf Valentina angesprochen und sie zeigten uns, wie sie vor zwei Jahren die Wände des staatlichen Kinderartens gestaltet hatte:

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    Wir freuen uns über das bereits Erreichte und bitten Sie, unsere Arbeit auch weiterhin so reichlich zu unterstützen. Und nach unseren Sommerfahrten berichten wir auch wieder über die anderen Projekte!

    Susanne Naundorf