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    Evangelische Moldovahilfe Berlin e.V.
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  • Fahrtbericht September 2013

    Liebe Freunde der Moldovahilfe,

    in unseren Fahrtberichten schildern wir – die Mitarbeiter der Moldovahilfe – Erlebnisse von unseren Fahrten zu unseren Partnern in Moldova. Wir erzählen, wie wir die Entwicklung unserer Projekte erleben. An so einiges im Land haben wir uns schon so gewöhnt, dass es uns schon kaum mehr auffällt. Da ist es interessant zu hören, was ein Außenstehender sieht und empfindet.

    Dr. Klaus Fleck, Medizinjournalist, bereiste dieses Jahr die Republik Moldau und besuchte dabei auch den Punct Medical in Chioselia. Chioselia kam schon oft in unseren Berichten vor: hier wohnen die Familie Batir, die ehrenamtlich tätige Krankenschwester Tamara, einer ganzer Schwung unserer Stipendiaten kommt aus dem Ort, im Kindergarten wurden mit Ihren Spendengeldern Heizung und Fenster erneuert. Und es ist der Nachbarort von Costangalia, wo unser Sozialzentrum entsteht.

    Lesen Sie, was Dr. Klaus Fleck schreibt:

     

    Besuch in einem „Punct Medical“

    Eine Hausarztpraxis für mehr als Tausend Einwohner – mit einer Ärztin und zwei Krankenschwestern, aber ohne fließendes Wasser? Für uns in Mitteleuropa unvorstellbar, in der Republik Moldova jedoch Realität. Zumindest auf dem Lande.

    Ich bin im „Punct Medical“, der Arztpraxis des Dorfes Chioselia im Südwesten des Landes eingeladen. Für die rund 140 Kilometer lange Strecke von der Hauptstadt Chişinău in die 1500-Seelen-Gemeinde hatte der moldauische Fahrer drei Stunden gebraucht. Hin und wieder fuhr er unfreiwillig kleine Umwege, weil es an richtungsweisenden Straßenschildern mangelte. Vor allem aber musste er immer wieder selbst auf den großen Überlandstraßen plötzlich stark bremsen und in Schrittgeschwindigkeit Schlaglöcher umfahren. Gegen Ende der Fahrt entspricht unsere Piste dann ein paar Kilometer lang mehr einem Feldweg – bis wir kurz vor dem Ziel wieder Asphalt unter den Rädern haben.

    Wasser kommt vom Brunnen

    Von außen sieht der Flachbau mit der darin untergebrachten Arztpraxis für mich eigentlich ganz normal aus. Drinnen wird gerade renoviert, das Sprechzimmer ist jedoch in Betrieb. Mein erster Eindruck: sehr spartanisch. Ich sehe eine Waage für Erwachsene und eine für Babys, auf dem Tisch ein Blutdruckmessgerät. Über dem Handwaschbecken hängt ein wenige Liter fassender Wasserspender an der Wand. Man benutzt ihn wie einen Seifenspender, ein Ventil gibt eine kleine Menge Wasser frei. Wenn das Wasser im Behälter aufgebraucht ist, wird neues dafür von einem Brunnen geholt.

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    Der „Medpunct“ in Chioselia

    Zum Gespräch erwarten mich die junge Ärztin Irina sowie die Krankenschwestern Irina und Nina. Weil ich mich nur begrenzt auf Rumänisch und Russisch verständigen kann, übersetzt die Germanistikstudentin Nadia unsere Unterhaltung. Ich will erfahren, wie die medizinische Versorgung in und um Chioselia funktioniert. „Ich versorge hier und in Nachbarorten ein Gebiet mit etwa 3000 Einwohnern“, sagt die Ärztin. Sie ist die einzige Medizinerin dort, eine Vertretung hat sie nicht. In den Landarztpraxen, so schätzt sie, würden mehr als doppelt so viele Haus- bzw. Familienärzte gebraucht als verfügbar sind.

    Junge Ärzte gehen oft ins Ausland oder in die Industrie

    Doch den Personalmangel im Gesundheitswesen zu beseitigen erscheint derzeit fast illusorisch. Nicht zuletzt, weil sehr viele junge Menschen wegen der in Moldova schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen nach ihrer Ausbildung ins Ausland gehen. So verdienen junge Mediziner in ihrem Heimatland meist weniger als 200 Euro brutto im Monat (also weniger als 10 Euro am Tag!). Bleiben sie im Land, wollen viele junge Ärzte statt im Gesundheitswesen auch lieber etwa in der Industrie bzw. Wirtschaft arbeiten, wo sie mehr verdienen können.

    Immerhin sei die medizinische Versorgung im Allgemeinen besser als zu Zeiten der Sowjetunion, ist die persönliche Meinung der beiden Krankenschwestern. So gebe es mehr und bessere Medikamente, zumindest in den Städten bessere medizinische Apparate und kürzere Wartezeiten für medizinische Konsultationen und Behandlungen. Krankenversichert ist aber längst nicht jeder – je nach persönlicher Situation können dann bereits einfache Medikamente „unbezahlbar“ sein.

    Medizingeräte: Fehlanzeige

    Arzneimittel für den Basisbedarf bzw. Erste Hilfe sind im Punct Medical von Chioselia vorhanden. Medizinische Apparate hingegen fehlen fast völlig. „Wir können hier noch nicht einmal selbst die Blutzucker- oder Cholesterinwerte unserer Patienten messen, von EKG-Untersuchungen ganz zu schweigen“, sagt die Ärztin. Es fehlt dabei nicht nur am Geld für die Anschaffung der Geräte.

    Ein Blutzucker- oder ein Cholesterinmessgerät kostet umgerechnet zwar nur um die 50 Euro, deutlich mehr schlagen hier aber die laufenden Kosten für die Teststreifen zu Buche. Für drei bis vier Blutzuckermessungen pro Tag betragen sie zum Beispiel mehr als 500 Euro im Jahr. Da es in der Hausarztpraxis von Chioselia dafür kein Geld vom Staat gibt, ist man auf Spendengelder angewiesen, um der Gemeindebevölkerung in Zukunft solche Leistungen anbieten zu können.

    Mehr Aufklärung nötig

    Großer Bedarf besteht auch bei der gesundheitlichen Aufklärungsarbeit, bei der Krankheitsfrüherkennung und -vorsorge. Am besten, so ist mein Eindruck, scheinen Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen zu funktionieren. Das erläutern mir die Krankenschwestern anhand eines für jeden jungen Patienten angelegten Hefts, in dem regelmäßige Untersuchungen und eventuelle Behandlungen dokumentiert werden. Was die Erwachsenen angeht, so spielen wie in westlichen Ländern Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine große Rolle. Vielen Menschen nur unzureichend bekannt ist aber, warum Früherkennung so wichtig ist und wie man diesen und anderen Krankheiten vorbeugen kann.

    Mehr Aufklärung ist sicher ebenso bei einem anderen Thema nötig: dem Ausmaß gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsums. Moldova nimmt in einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beim Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol den Spitzenplatz der Weltrangliste ein: 18 Liter reiner Alkohol pro Jahr (zum Vergleich: in Deutschland sind es knapp 13 Liter, in den USA etwas mehr als 9).

    Zehn Jahre kürzere Lebenserwartung

    Und noch ein paar Zahlen verdeutlichen die gesundheitliche Situation der moldauischen Bevölkerung. So sterben die Menschen dort im Durchschnitt zehn Jahre früher als in Deutschland: Die mittlere Lebenserwartung in Moldova beträgt 71 Jahre (Männer 67, Frauen 75 Jahre), gegenüber 81 Jahren in Deutschland (Männer 78, Frauen 83 Jahre).

    Genauso drastisch sind die Unterschiede zwischen beiden Ländern bei dem für die Gesundheit zur Verfügung stehenden bzw. für sie ausgegebenen Geld: Gemäß einer weiteren WHO-Statistik beliefen sich im Jahr 2009 die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit in Deutschland auf 4723 US-Dollar, in der Republik Moldova hingegen war es gerade einmal 191 US-Dollar – das sind rund 25 Mal weniger. In Chioselia und anderswo im Land sind deshalb viele Menschen auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen, damit besser für ihre Gesundheit gesorgt werden kann.

    Dr. Klaus Fleck

     

    Anmerkung
    Unser Autor hat den Punct Medical in Chioselia im Mai 2013 besucht. Zwischenzeitlich konnten mit Spendengeldern ein Blutzuckermessgerät und Teststreifen für ein Jahr angeschafft werden. Auch die Renovierung der Räumlichkeiten wurde unterstützt und ist abgeschlossen. Ärztin und Krankenschwestern hoffen auf weitere finanzielle Unterstützung, damit noch mehr Geräte für eine ausreichende Patientenversorgung gekauft werden können, konkret fehlt zum Beispiel noch ein EKG-Gerät.

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    Das renovierte Sprechzimmer

    Im Oktober werde ich mit Iliana Palcu für eine Woche in Chioselia und Costangalia vor Ort sein. Von der weiteren Entwicklung der Projekte werden wir dann im folgenden Freundesbrief berichten. Ein Thema wird dabei auch sein, was unsere Partner des Aachener Hilfsvereins Moldovahha e.V., die aktuell vor Ort sind, erlebt haben.

    Einen schönen Herbst wünscht Ihnen

    Dr. Susanne Naundorf